Interview im Spiegel – Wie Paare aus der Streitfalle kommen


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Wer gerne das Interview lesen möchte, was in Spiegel-Online veröffentlicht wurde, findet hier den Zugang und den Text. Katherine Rydlink hat mich befragt

SPIEGEL ONLINE: Im Podcast sagt Charlotte Roche „es ist egal, mit wem man zusammen ist, denn die meisten Probleme, die man mit dem Partner hat, sind die eigenen.“ Stimmt das?

Katharina Klees:So könnte man es sehen. Charlotte Roche erklärt, dass sie im Streit mit ihrem Mann eigentlich die Wut auf ihren Vater herausgelassen hat. Hätte sie sich getrennt, könnte es sein, dass sie diese Wut in die nächste Beziehung mitnimmt. Kindheitserfahrungen kommen ganz oft gerade in Partnerschaften hoch. Das möchten viele Paare nicht wahrhaben, weil es scheinbar einfacher ist, dass der andere Schuld hat und etwas ändern muss.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt also, niemand müsste sich mehr trennen?

Klees: In vielen Fällen trifft das zu. Wichtig ist, dass beide Partner an sich arbeiten. Wenn es keine Einsicht gibt, könnte man überlegen, ob eine Trennung nicht doch besser wäre. Und natürlich erst recht, wenn beispielsweise Gewalt im Spiel ist. Charlotte Roche und Martin Keß haben ja offensichtliche in einer Paartherapie gelernt, ihre eigenen Muster zu hinterfragen.

SPIEGEL ONLINE: Roche begründet ihre Muster mit ihrer schwierigen Kindheit. Haben Menschen aus einem problematischen Elternhaus mehr Beziehungsprobleme?

Klees: Das ist tatsächlich ganz oft so. Wer in der Kindheit schlecht behandelt wurde, hat eine für die Entwicklung ungünstige Beziehungserfahrung erlebt. Dies wird im Gehirn gespeichert, genauer gesagt im limbischen System, wo auch die Stressbearbeitung stattfindet. Beim Streit werden die negativen Erfahrungen aus der Kindheit und das Stressverarbeitungssystem gleichermaßen aktiviert. Doch es ist auch eine große Chance.

SPIEGEL ONLINE: Im Streit durchleben wir also unsere Kindheitstraumata.

Klees: So könnte man es ausdrücken. Streit macht Stress, Stress triggert alte Verletzungen aus der Kindheit an und dann fangen wir an, uns zu verteidigen und zu schützen. Dieser Kreislauf kann jedoch unterbrochen werden. Aus der Traumatheorie wissen wir, dass das Stressverarbeitungssystem in Mitleidenschaft gezogen wird, sobald Menschen ähnliche Emotionen durchleben, wie in der damalig traumatischen Kindheitssituation. Man kann auf MRT-Bildern sogar sehen, wie sich bei Streit und Stress das Sprachzentrum im Gehirn abschaltet.

SPIEGEL ONLINE: Man spricht also nur noch dummes Zeug…

Klees: …das wir später bitter bereuen. Deshalb sollten Paare Streit aus reinem Selbstschutz vermeiden. Streit trägt in einer Beziehung selten zu einer guten Klärung bei.

SPIEGEL ONLINE: Aber man soll doch nicht alles runterschlucken, was einen stört.

Klees: Diese Frage kommt ganz oft, wenn ich Paaren diese Zusammenhänge erkläre: „Wie soll ich denn dann ansprechen, wenn mich etwas stört?“ Man kann Dinge auch besprechen, ohne Kritik zu üben oder Vorwürfe zu machen. Ich habe hierzu die Methode „Das strukturierte Beziehungsgespräch“ entwickelt. Paare lernen dabei, dass gerade vorgeblich „logische“ Argumente sehr verletzend sein können. Während dieser Übung sprechen die Paare erstmal nicht, sondern schreiben auf, was alles gut läuft. Statt des Vorwurfes „Du machst das und das falsch“, notiert jeder seine Lösungsvorschläge. Über die Vorschläge stimmt sich das Paar dann solange ab, bis beide zufrieden sind. Paare können dadurch lernen, ihre Streit-Dynamik zu beenden und aus Mustern auszusteigen. Deswegen ist es bedeutsam, würdigend und wertschätzend miteinander umzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Charlotte Roche hat einmal aus Wut versucht, einen schweren Tisch auf ihren Mann zu werfen. Das klingt nicht so, als ob die beiden in dieser Situation ganz ruhig zu Zettel und Stift hätten greifen können.

Klees: Zerstörende Affekte nicht gegen den Partner zu richten und stattdessen die eigenen Gefühle zu beruhigen, das kann man lernen. Das hat Charlotte Roche ja auch gelernt. Dazu kann sich jeder fragen: Wo kommt diese Wut oder Enttäuschung her? Gibt es da eine Entsprechung in meiner Kindheit? Oft geht es ja nicht wirklich um das achtlos auf den Boden geworfenes Handtuch im Badezimmer, sondern darum, dass ein Partner den anderen zu wenig aufmerksam empfindet. Womöglich haben beide schon etliche Male über die Unordnung im Badezimmer gestritten. Anstatt darüber zu streiten, könnten gemeinsame Lösungen gesucht werden, mit denen sich beide gut fühlen. Dass sich beide mit der Lösung gut fühlen, das ist wichtig. Wenn es einem innerlich gegen den Strich geht, dann führt dieses Ungleichgewicht in einer Beziehung nicht ins Gute.

SPIEGEL ONLINE: Das ist die Stelle, um mal mit Klischees aufzuräumen: Gibt es „typisch Mann“ und „typisch Frau“?

Klees: Frauen wollen ihren Männern eher mitteilen, womit sie unzufrieden sind. Eine Frau will ihren Partner womöglich durch diesen Vorwurf einen Verbesserungsvorschlag unterbreiten: „Ich sage dir mal, was mich an dir stört, damit du bitte etwas änderst.“Männer fühlen sich hierdurch häufig kritisiert und zurechtgewiesen oder haben das Gefühl, es der Frau nicht recht machen zu können. Irgendwann geben sie dann den Versuch auf und ziehen sich zurück. Aus ihrer Perspektive hat die Frau vielleicht jeden Tag etwas anderes auszusetzen. Männer sind je nach Elternhaus oft anders sozialisiert als Frauen. Ihnen wird bereits als Kind häufig gesagt, dass sie etwas nicht gut genug machen oder besser, stärker und härter sein sollten. Ich empfehle deshalb Frauen, auch das verletzte Wesen ihres Mannes zu sehen, ihn nicht zu kritisieren und regelmäßig Lob auszusprechen.

SPIEGEL ONLINE: Moderne Frauen sollen mit ihren Männern also umgehen wie mit kleinen Kindern?

Klees: Das nicht. Aber eine Frau könnte ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Männer manchmal anders als sie reagieren. Wenn krisenhafte Gefühle überhandnehmen, haben viele Männer Schuldgefühle, weil sie sich als Ursache der Probleme sehen – und damit als Ursache für den Frust der Frau. Es ist nicht verwunderlich, dass ein Mann dann auf Distanz geht, weil er denkt, er ist nicht gut für sie. Dabei will die Frau ja genau das Gegenteil: Mehr Achtsamkeit. Wenn Männern aufgezeigt wird, was sie gut und richtig machen, entsteht auch wieder mehr Nähe.

SPIEGEL ONLINE: Aber auch Frauen wollen doch gelobt und wertgeschätzt werden – und dazu gehört vielleicht eben auch, dass sie ihm nicht hinterherräumen muss.

Klees: Natürlich. Männer könnten sich bei ihren Partnerinnen erkundigen, was ihre Frauen fühlen oder brauchen. Entgegen vieler Klischees sind Frauen in ihrer Bedürfnisstruktur gar nicht so kompliziert. Meist sind ihnen vor allem zwei Dinge wichtig: Emotionale Nähe und Halt.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt aber schon kompliziert.

Klees: Das fällt auch vielen Männern schwer. Emotionale Nähe entsteht durch Gespräche: Männer können lernen, zuzuhören – wirklich, echt und präsent, ohne sofort zu bewerten oder Ratschläge zu erteilen. Für viele Männer ist es eine schöne Erfahrung, etwas über die Partnerin zu erfahren, ohne gleich die eigene Sichtweise einzubringen. Wichtig ist, dass die Frau in solchen Gesprächen keine Vorwürfe oder Kritik äußert. Halt bekommen Frauen durch regelmäßige haltgebende Umarmungen.

SPIEGEL ONLINE: Das ist aber ein veraltetes Rollenbild: Der Mann als starker Beschützer. Bei Feministinnen gehen da die Alarmglocken an.

Klees:Nur weil viele Frauen beruflich und privat nach Gleichberechtigung streben, heißt das nicht, dass sie nicht in den Arm genommen werden wollen. Gleichzeitig beobachte ich, dass gerade selbstbewusste Frauen immer ärgerlicher auf ihre Männer werden: Ich finde den Ärger zwar oft berechtigt, doch Streit und Verachtung sind nun mal keine optimale Entwicklung für eine Partnerschaft.

SPIEGEL ONLINE: Die Frauen, die tagtäglich für ihre Gleichstellung kämpfen, sollen Ihrer Meinung nach also nachsichtiger mit ihren Männern sein. Und diese wiederum sollen einfühlsamer auf ihre Frauen eingehen. Kann man Beziehungsfähigkeit lernen?

Klees: Nachsichtiger würde ich jetzt nicht sagen. Es ist schon wichtig, dass beide Partner ihre Themen klären, bis es beiden mit der Lösung gut geht. Und genau das können Paare in einer Paartherapie lernen und nicht erst dann, wenn die Konflikte schon überhand genommen haben.

 

 

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